*1967 in Giengen/Brenz, lebt und arbeitet in Berlin.
Studium an der Kunstakademie Münster bei Reiner Ruthenbeck
Arbeiten im öffentlichen Raum, Installationen, Sound- und Videoarbeiten,
zahlreiche Ausstellungen und Auszeichnungen, darunter in den letzten Jahren:
2025 - Res Bibliotheka mit Anne-Britt Rage, Drammen, Norwegen; Strohfeuer, Die Mühen der Ebene II, Biennale Neuwerder X |
2024 - In Weiter Ferne So Nah, Schranne, Giengen; Caravan, mit Anne-Britt Rage, Lier, Norwegen; Strings %s, Alexandra Erlhoff, Berlin; actually the moon looked like this … but was here, GLUE, Berlin |
2023 - Fetzereisenacherkuhl, Mengerzeile, Berlin; The Song For The Chrystal Dragon, mit TWAPS, Anne-Britt Rage und Carl Fredrik Berg, Edvard Munch´s Studio, Ekely, Oslo [Solo]; Die Mühen der Ebene, StadtRaumBoxen, Erfurt [Solo] [in situ]; Artist in residency, Edvard Munchs Atelier, Ekely, Oslo; Neustart Kultur PLUS, Stiftung Kunstfonds |
2022 - Neustart Kultur, Stiftung Kunstfonds |
2021 - Artist in residency, Drammen, Norwegen |
2020 - Lierfjordbyen, Wettbewerb Kunst im öffentlichen Raum, 2. Preis, Lier, Norwegen; Gründung von TWAPS, mit Anne-Britt Rage, Anneke von der Fehr und Radwan Zanhar |
2014 - Arbeitsstipendium, Stiftung Kunstfonds.
GRAUE TULPE
Speicher sind Sehnsuchtsorte der Kunst, seit sie sich des Museums nicht mehr sicher ist. Je mehr Museen zu Reservaten
jener Minderheit wurden, die unverdrossen öffentlich zertifizierter Kultur und ihren Verwaltungsapparaturen vertrauten,
desto attraktiver wurden Lofts und Lagerräume, Stützpunkte der Tabula Rasa, Knotenpunkte der Erwartung des Neuen, das
aus dem Boden schießt.
Christel Fetzers Indoorfarm kopffüssiger, den menschlichen Körper knapp überragender Objekte fasst den Glauben des
Kunstbetriebs an die Vertikalität von Ideen, Karrieren und Renditen in einem begehbaren Bild zusammen, das einer
Versammlung gleicht. Das Publikum kann nicht anders, als sich unter mehrere Dutzend schlank aufragende Zylinder zu
mischen, die dem Estrich wie Pilze entwachsen sind, mykologische Metaphern der Formfindung und Beweismittel für die
Mindestbedingungen handelbarer Skulpturgegenstände. Die Künstlerin hat den Ausstellungsraum zum Speicher zurückgebaut
und darin Tulpen gezüchtet, wie sie im Titel sagt. Ausgerechnet Tulpen, jene frühen Spekulationsobjekte der Tulpenmanie
des 17. Jahrhunderts, deren jähes Ende den ersten Börsencrash auslöste, in dessen Folge der frühe kapitalistische Kunstmarkt
in sich zusammengebrochen war.
Christel Fetzers Tulpen aber gleichen Alltagsgegenständen aus dem Hausgebrauch. Zeigen sich nicht Nutzungsspuren an
diesen dubiosen Artefakten? Wer hat diese Typologie aus Reifen, Knöpfen und Knäufen entworfen, die eine Paradeformation
zweckdienlicher Masten je verschieden bekrönen? Und worauf wartet diese erstarrte Gruppe zielloser Werkzeuge? Wer könnte
sie zum Leben erwecken? Wer aktiviert in einer zerfallenden Welt die grauen Tulpen in den Freilagern der Investoren?
Schlägt dem prekären Spalier gleich die Geisterstunde? Nicht mehr lang, könnte man meinen, und die Kunst aus den sterbenden
Galerien und politisch usurpierten Museen könnte auf furchterregende Weise erwachen. Womöglich nimmt sie dann willfährig
neue Aufträge an.
Gerrit Gohlke
GRAUE TULPE
Storage rooms have become art’s sites of longing since it can no longer rely on the museum. The more museums became reservations
for the minority who trust the undaunted, publicly certified culture and its administrative apparatus, the more attractive became
lofts and storage areas, strongholds of the tabula rasa, hubs of expectation of the new that are popping up.
Christel Fetzer’s indoor farm of cephalopodic objects barely taller than the human body summarizes the art market’s belief in the
verticality of ideas, careers, and revenues in a traversable image resembling an assembly. The public has no choice but to mingle
among several dozen slenderly looming cylinders growing out of the floor pavement like mushrooms, mycological metaphors of form
finding and evidence of the minimal conditions of tradable sculptural items. The artist has dismantled the exhibition site and
restored it to a storage room, then grown tulips in it, as the title says. Tulips, of all things! – the early speculation objects
of the 17th-century tulip mania, whose sudden end triggered the first stock market crash and resulted in the collapse of the early
capitalistic art market.
But Christel Fetzer’s tulips also resemble everyday household utensils. Don’t these dubious artifacts show traces of use? Who designed
this typology of tires, buttons, and knobs, which crown a parade of differing serviceable masts? And what is this rigidified group of
pointless tools waiting for? Who could bring them to life? In a disintegrating world, who activates the gray tulips in the investors’
open depots? Is the witching hour striking this precarious cordon? Not much longer, one could think, and art could awaken from the dying
galleries and politically usurped museums in a frightening way. Perhaps it will then compliantly take on new tasks.
Text by Gerrit Gohlke
Translation by Mitch Cohen